Island, Norwegen und Japan, drei Länder mit langer Walfangtradition, stehen heute im Zentrum einer ethisch aufgeladenen Debatte. Während internationale Meeresschutzorganisationen wie Whale and Dolphin Conservation (WDC) gegen den kommerziellen Walfang mobilisieren, halten wirtschaftliche Interessen, kulturelle Identität und politische Trägheit an alten Praktiken fest. In diesem Beitrag geht es um Geschichte und Gegenwart des Walfangs und darum, wie sich unsere Beziehung zu diesen hochintelligenten Meeressäugern im Lichte eines gesellschaftlichen Wertewandels verändert.

Island: Vom Walfangland zum Symbol des Wandels?

Island galt lange als eines der letzten Länder Europas mit aktivem kommerziellen Walfang. Die Firma Hvalur hf., betrieben vom Unternehmer Kristján Loftsson, war bis zuletzt das einzige Unternehmen, das die Jagd auf Finnwale (eine gefährdete Art) durchführte. 2023 wurde der Walfang jedoch vorübergehend ausgesetzt, aufgrund tierschutzrechtlicher Bedenken. Später wurde er fortgeführt[1]. 2024 begann die Saison am 11. Juni[2], verzögert durch behördliche Auflagen und öffentliche Kritik.

Ein gesellschaftlicher Wandel ist spürbar: Mehr als zwei Drittel der isländischen Bevölkerung lehnen den Walfang ab[3]. Junge Menschen sehen in der Jagd ein Relikt der Vergangenheit, das nicht mehr zur modernen, auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Gesellschaft passt. Whale Watching hat sich längst als lukrativere Alternative etabliert.

Die veränderte öffentliche Meinung zeigt, dass zivilgesellschaftlicher Druck politische Prozesse in Gang setzen kann. Der Boykott von Walfleisch ist nicht bedeutungslos, er ist Teil einer schrittweisen Veränderung.

Norwegen: Subtile Wende oder Fortsetzung der Jagd?

Norwegen betreibt weiterhin systematischen kommerziellen Walfang. 2024 wurden mehrere Hundert Zwergwale gejagt, und die Quote für 2025 wurde auf 1.406 Tiere erhöht[4]. Dabei konsumiert laut Umfragen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung regelmäßig Walfleisch.

In Küstenregionen wie Tromsø oder Andenes gibt es Ansätze für einen Wandel: Forschende und Tourguides arbeiten zusammen an Projekten für nachhaltigen Walbeobachtungstourismus. WDC sieht darin eine potenziell bessere Alternative zum Walfang, verweist aber auch auf Risiken und fordert verantwortungsbewusste Standards[5].

Ein weiteres Thema: Lärmverschmutzung durch Schifffahrt und Industrie. WDC fordert politische Maßnahmen zum Schutz akustisch sensibler Arten, etwa die Ausweisung störungsfreier Rückzugsräume[6].

Japan: Automaten, Subventionen und schwindendes Interesse

Japan verfolgt seit dem Austritt aus der Internationalen Walfangkommission 2019 wieder einen eigenen Kurs, inklusive kommerzieller Jagd auf Finnwale seit 2024[7]. Der Verkauf von Walfleisch erfolgt unter anderem über Automaten in Städten wie Tokio oder Yokohama. Die Firma Kyodo Senpaku nutzt teils nationalistische Narrative zur Vermarktung[8].

Allerdings zeigt sich ein schwindendes Interesse: Die ältere Generation, die mit Walfleisch aufgewachsen ist, stirbt aus. Eine aktuelle Umfrage von Whale and Dolphin Conservation (WDC) zeigt, dass 77 % der Befragten im Jahr 2024 kein Walfleisch konsumiert haben. Die Erhebung wurde von WDC durchgeführt, mit organisatorischer Unterstützung der japanischen Organisation JWCS, die den Kontakt zur durchführenden Firma herstellte, den administrativen Prozess begleitete und gemeinsam mit WDC die japanische Übersetzung finalisierte. WDC unterstützt in Japan zudem lokale NGOs, die sich für Bildungsarbeit und ethischen Diskurs einsetzen.[9]

Persönliche Ergänzung: Der kulturelle Wandel Japans im Spiegel des Walfangs

Ich möchte diesen Teil mit einer persönlichen Note und einem Perspektivwechsel ergänzen: die kulturelle Dimension des Walfangs in Japan soll achtsam eingeordnet werden, ohne ihn zu verherrlichen, aber auch ohne vorschnelle Urteile.

Die Walfangtraditionen Japans sind jahrhundertealt und mehr als reine Rohstoffgewinnung. Bereits im 17. Jahrhundert entstanden in Orten wie Nagato Formen eines organisierten Walfangs, die von Ritualen und religiösen Praktiken begleitet waren. Ein eindrucksvolles Beispiel ist der Walschrein („Whale Tomb“) in Nagato, errichtet 1692 für einen im Mutterleib getöteten Wal Fötus. Er wurde in einem buddhistischen Ritual bestattet: ein Akt des Mitgefühls, der bis heute in jährlichen Gedenkfeiern erinnert wird[10].

Für mich zeigt das, dass Walfang einst Teil eines gesamten Lebensgefühls war: nicht nur Jagd, sondern Auseinandersetzung mit dem Meer und dessen Geschöpfen, mit Demut und spiritueller Verantwortung. Besonders berührend finde ich, dass lokale Gemeinschaften diese Erinnerung in Form von Festivals lebendig halten. Im Kayoi Kujira Festival in Nagato oder beim Kujira Matsuri in Taiji werden Szenen des traditionellen Walfangs mit Tanz, Trommelritualen und Gesängen nachgestellt[11]. Diese Veranstaltungen sind mehr als Folklore, sie sind kulturelle Reflexionsräume, in denen Gemeinschaft und Identität sichtbar werden, ohne dass der Walfang an sich glorifiziert wird.

Hier empfinde ich eine Ambivalenz: Einerseits kritisieren wir den japanischen Walfang scharf, andererseits praktizieren wir in Deutschland industrielle Massentierhaltung von Hühnern, Schweinen und Kühen: Praktiken, die ebenfalls ethisch hochproblematisch sind. Wer sind wir also, anderen Kulturen den moralischen Zeigefinger entgegenzuhalten? Diese Selbstreflexion erscheint mir notwendig, um auf Augenhöhe und empathisch zu debattieren.

Ich stehe mit dieser Sicht nicht allein: Auch Katrin Matthes, die für die Whale and Dolphin Conservation arbeitet, hat Japanologie studiert und mehrere Jahre in Japan gelebt. Sie betont, dass Walfang für einige Regionen nicht nur ökonomische Praxis, sondern auch kulturelle Identität ist. Ihre Perspektive, geprägt von einem tiefen Verständnis für die japanische Kultur, hat meinen Blick geschärft. Sie zeigt, wie wichtig es ist, kulturelle Kontexte ernst zu nehmen, auch wenn man die Praxis des Walfangs entschieden ablehnt.

Japan ist kulturell tief traditionsgebunden und zeigt eine Skepsis gegenüber westlichen Normen, historisch verstärkt durch die Phase der Abschottung (Sakoku) zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert[12]. Das erklärt, warum bestimmte Praktiken wie der Walfang für einige Küstengemeinden identitätsstiftend bleiben.

Ich bin überzeugt, dass kultureller Wandel weniger durch Verbote als durch Anerkennung gelingt. Was wäre, wenn statt blutigem Fang Zeremonien, Feste und Gedenkformen im Zentrum stünden, eine Ehrung ohne Tötung? Ein solcher Perspektivwechsel könnte Respekt bewahren und dennoch eine ethische Zukunft eröffnen. Denn ökonomisch und gesellschaftlich ist der traditionelle Walfang kaum mehr tragfähig: Walfleisch lagert in großen Mengen ungenutzt, der Konsum ist rückläufig[13]. Gleichzeitig zeigt sich ein wachsendes Bewusstsein, viele Menschen in Japan essen heute gar kein Walfleisch mehr[14]. Der Wandel ist also schon im Gang, auch wenn er nicht linear verläuft.

Martha Nussbaum betont, dass „Gerechtigkeit über die Speziesgrenze hinaus gedacht werden“ müsse[15]. Dieser Gedanke lässt sich auch interkulturell übertragen: Statt andere Kulturen moralisch abzuurteilen, könnte echte Gerechtigkeit darin liegen, ihre Praktiken zu verstehen und gerade dadurch den Raum für Veränderung zu öffnen.

Ein oft übersehener Aspekt ist zudem, dass Wale auch durch militärischen Sonar und Unterwasserlärm bedroht sind. Studien zeigen, dass Mid Frequency Sonar Panikreaktionen auslöst, die zu Massstrandungen führen können[16]. Wenn wir also über den Schutz der Wale sprechen, müssen wir diese globalen Bedrohungen mitbedenken, nicht als Rechtfertigung, sondern als zusätzliche Dimension des Problems.

Philosophische Tiefenschärfe: Der Walfang im Spiegel der Ethik

Immanuel Kant sieht Tiere als nicht moralische Subjekte. Sie haben keinen Eigenwert, ihr Schutz ist nur indirekt über die Wirkung auf den Menschen begründbar:

„Tiere sind keine Personen, sondern Sachen, […] die wir zwar behandeln sollen, wie wir Menschen behandeln würden, aber nicht aus Rücksicht auf sie selbst, sondern auf uns.“
(Kant, 1785)

Arthur Schopenhauer hingegen betont Mitleid als Grundlage aller Moral:

„Die Grundlage der Moral ist das Mitleid.“
(Schopenhauer, 1840)

Albert Schweitzer fordert eine „Ehrfurcht vor dem Leben“:

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
(Schweitzer, 1923)

Martha Nussbaum plädiert für eine Gerechtigkeit jenseits der Speziesgrenze:

„Gerechtigkeit muss über die Speziesgrenze hinaus gedacht werden.“
(Nussbaum, 2006)

Der Wal als Symbol: Zwischen Mythos und Mitwesen

Wale sind Projektionsflächen menschlicher Vorstellungen. Früher galten sie als Monster oder Rohstofflieferanten, heute als Mitwesen. Ihre Intelligenz, soziale Komplexität und Kommunikationsfähigkeit fordern ein neues Denken.

Orcas, die sogenannten „Killerwale“, gelten in indigenen Kulturen als spirituelle Wesen. Im Nordwestpazifik werden sie als Reinkarnation verstorbener Häuptlinge verehrt[17].

Ausblick: Moralischer Fortschritt beginnt mit Perspektivwechsel

Das Beispiel Island zeigt eindrucksvoll, dass Verzicht und Protest wirken können. Der gesellschaftliche Druck, getragen von Bürgerinnen und Bürgern, die sich gegen den Walfang ausgesprochen haben, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass aktuell keine Jagd stattfindet.

Auch wenn die offizielle Lizenz für den Walfang weiterhin besteht, ist er gegenwärtig wirtschaftlich nicht rentabel und gesellschaftlich nicht bis kaum mehr akzeptiert.

Damit der Walfang verschwinden kann, braucht es echte Gesetze, aber auch einen Wandel in den Herzen der Menschen.


Literaturverzeichnis

  1. Whale and Dolphin Conservation (WDC) (2024): Island setzt Walfang aus – am Scheideweg. https://de.whales.org/2024/05/02/islands-walfang-am-scheideweg/
  2. Whale and Dolphin Conservation (WDC) (2024): Island nimmt Walfang auf. https://de.whales.org/2024/06/11/island-nimmt-walfang-auf/
  3. Environmental Investigation Agency (EIA) (2023): Research reveals overwhelming public opposition to whaling in Iceland. https://eia-international.org/news/research-reveals-overwhelming-public-opposition-to-whaling-in-iceland/
  4. Whale and Dolphin Conservation (WDC) (2025): Norwegische Regierung erhöht Fangquote für Zwergwale auf 1.406. https://de.whales.org/2025/02/12/norwegische-regierung-erhoeht-walfang-quote-fuer-zwergwale/
  5. Whale and Dolphin Conservation (WDC) (2023): Walbeobachtung verantwortungsvoll begleiten.https://de.whales.org/wale-delfine/whale-watching/
  6. Whale and Dolphin Conservation (WDC) (2024): Thema Lärmbelastung im Meer. https://de.whales.org/wdc-ziele/meere-schuetzen/bedrohungen/#laerm
  7. AP News (2024): Japan resumes commercial fin whale hunting. https://apnews.com/article/japan-commercial-whale-hunting-2024-4c34a3c412add00f5f25bc9ea24c7c80
  8. The Guardian (2023): Whale meat vending machines opened in Japan. https://www.theguardian.com/world/2023/jan/03/whale-meat-vending-machines-opened-in-japan
  9. Japan Wildlife Conservation Society (JWCS) (2024): Whale consumption survey. https://www.jwcs.org/en/now/816/
  10. Visit Nagato (2023): The Whale Tomb – History and Rituals.https://de.whales.org/wdc-ziele/wale-schuetzen/walfang/japan/
  11. us.whales.org (2024): The Meaning of Whaling in Japan. https://de.whales.org/2024/01/10/wdc-in-japan-teil-5/
  12. Totman, C. (2000): Early Modern Japan. Berkeley: University of California Press.
  13. Kyodo News (2024): Japan’s Whale Meat Stocks Continue to Rise Despite Low Demand. https://english.kyodonews.net
  14. Japan Forward (2020): History of Japanese Whaling. https://featured.japan-forward.com/whalingtoday/
  15. Nussbaum, M. (2006): Frontiers of Justice: Disability, Nationality, Species Membership. Cambridge: Belknap Press.
  16. Parsons, E. C. M. et al. (2008): Navy Sonar and Cetaceans: Just How Much Does the Gun Need to Smoke Before We Act? In: Marine Pollution Bulletin, 56(7).
  17. Native Languages of the Americas (2024): The Orca Symbol or Killer Whale. https://www.native-languages.org/killer-whale.htm
  18. Kant, I. (1785): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Berlin: Reclam.
  19. Schopenhauer, A. (1840): Über die Grundlage der Moral. Leipzig: Brockhaus.
  20. Schweitzer, A. (1923): Kultur und Ethik. München: Beck.

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