Ich war seit Jahren nicht mehr im Tierpark Berlin. Vor ein paar Tagen bin ich zurückgekehrt mit einem wachen Blick und, ich gebe es zu, auch mit einem Rest kindlicher Freude. Der Tierpark ist schön. Er lädt zum Verweilen ein, zum Beobachten und Flanieren. Man kann sich verlieren zwischen alten Bäumen und neuen Gehegen, während irgendwo ein Tier gähnt, ein anderes döst. Es wirkt fast friedlich.

Und doch blieb mein Blick dieses Mal nicht an der Schönheit hängen, sondern an einem alten Schmerz: der nicht stillen sondern lauten Frage, wofür eigentlich all das?

Kritik an der instrumentellen Haltung gegenüber Tieren

Ich frage mich selbst, weshalb ich überhaupt hier bin. Warum fasziniert mich das alles so sehr? Ja, es ist unterhaltsam. Und ich konnte einige Bilder machen auch von Tigern, die nie in freier Wildbahn gelebt haben. Sie kennen keine Freiheit. Und doch, tief in ihnen, spüren sie vermutlich, dass etwas nicht stimmt. Dass es da draußen mehr geben muss. Ich bin kein Tierpsychologe, aber es liegt für mich nahe anzunehmen, dass der Freiheitsdrang in Tieren natürlich angelegt ist.

Und genau hier liegt das Problem: Wir beobachten Tiere, weil sie uns faszinieren. Wir halten sie, weil sie uns etwas bedeuten aber in einem Rahmen, den wir selbst bestimmen. Damit behandeln wir Tiere nicht als eigenständige Wesen mit einem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, sondern als Mittel zum Zweck: zur Unterhaltung, zur Forschung, zur Selbsterkenntnis. Diese Haltung ist tief verwurzelt in unserem Denken ein Denken, das Tiere objektiviert und instrumentalisiert.

Philosophen wie Tom Regan oder Albert Schweitzer stellen sich entschieden gegen diese Logik. Regan fordert, Tieren moralische Rechte zuzugestehen, weil sie „Subjekte eines Lebens“ sind. Schweitzer hingegen spricht vom „Ehrfurcht vor dem Leben“ einem ethischen Grundprinzip, das allen Lebewesen innewohnt. In beiden Fällen wird klar: Ein Tier hat nicht deshalb einen Wert, weil es dem Menschen etwas bringt, sondern weil es existiert. Diese Sichtweise steht im Widerspruch zur gängigen Praxis in Zoos und Tierparks, wo Tiere oft auf ihre Nützlichkeit reduziert werden.

Prometheische Scham: Günther Anders und das moralische Unbehagen

Ich fühle Scham. Und gleichzeitig mache ich Fotos von Tieren. Ich kann mich dennoch freuen und genau darin liegt das Unbehagen. Es ist diese Mischung aus Staunen und Schuld, die mich begleitet.

Der Philosoph Günther Anders hat diesen Zustand auf den Punkt gebracht. In seinem Werk „Die Antiquiertheit des Menschen“ beschreibt er die sogenannte prometheische Scham das Gefühl, dass wir als Menschen hinter dem zurückbleiben, was wir erschaffen. Anders schreibt: „Unsere Gefühle hinken unseren Produkten hinterher.“ (Anders, 1956, S. 24) Wir bauen Gehege, die schöner und funktionaler sind als je zuvor doch unser moralisches Empfinden hat sich nicht im gleichen Maße weiterentwickelt.

Wir besuchen Tierparks, weil sie uns Freude bereiten, weil sie Kinder begeistern. Aber wir tun das auf Kosten derer, die dort leben müssen. Anders nennt das eine „Asymmetrie zwischen Produktion und Empfindungsfähigkeit“. Wir sind in der Lage, Systeme zu erschaffen, die Tiere optimal verwalten doch wir empfinden nicht mehr angemessen, was diese Systeme bedeuten. Es ist nicht Böswilligkeit, sondern Entfremdung. Wir haben verlernt, in Beziehung zu treten mit dem, was wir selbst verursacht haben.

Diese Scham ist nicht lähmend. Sie ist erkenntnisstiftend. Sie ist der erste Schritt zu einer ethischen Verantwortung, die nicht bei Mitleid aufhört, sondern bei Gerechtigkeit beginnt.

Ambivalenz zwischen Bewunderung und ethischem Unbehagen

Ich erinnere mich an einen Moment, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. Vor fast zwanzig Jahren sah ich zwei Malaienbären im vlt. war es im Alfred-Brehm-Haus, jedenfalls in einem düsteren Käfig. Sie liefen auf und ab, verloren in einer Bewegung, die keinen Sinn mehr trug, „Käfigkoller“ genannt. Einer der beiden reichte mir eine Trockenblume durchs Gitter. Eine kleine Geste. Vielleicht auch nur ein Reflex. Aber sie traf mich. Ich war berührt. Ich war verliebt. Direkt und für immer.

Jetzt, viele Jahre später, sehe ich die beiden wieder. Sie sind alt geworden, fast dreißig. Ihr Gehege ist neu. Es wirkt natürlicher, großzügiger. Die Bären bewegen sich ruhig, scheinbar gelassener. Ich freue mich für sie und bleibe doch verstört. Denn was wie Freiheit aussieht, ist immer noch ein Zaun.

Diese Ambivalenz lässt sich nicht einfach auflösen. Ich bin Teil dieses Systems. Ich zahle Eintritt. Ich beobachte. Ich frage. Und ich erkenne, dass meine Faszination nicht frei ist von Verantwortung. Das bringt mich der Philosophie von Simone Weil oder auch Hannah Arendt näher beides Denkerinnen, die nicht von oben urteilen, sondern von innen beobachten. Die nicht anklagen, sondern fragen: Was tun wir da eigentlich? Und was bedeutet das für uns als Menschen, die Tiere in Räume sperren, die wir selbst nicht ertragen würden?

Ausblick: Artgerecht oder artgemäß?

Wie also können wir Parks wie diesen erhalten wenn es tatsächlich um Artenschutz geht? Bedrohte Tierarten vor Wilderern zu schützen ist eine Option, mit der ich leben kann. Aber Vögel in Käfige zu sperren, ist wie einen Goldfisch in ein rundes Glas zu stellen allein im Wohnzimmer. Was soll das?

Was wäre, wenn wir alle Tiere dorthin zurückbringen, wo sie eigentlich hingehören? Oft hört man, sie würden in der Wildnis nicht überleben. Vielleicht stimmt das. Für viele von ihnen. Aber was ist, wenn sie es trotzdem wollen? Wenn sie lieber ein kurzes, freies Leben hätten als ein langes, kontrolliertes?

Warum sollte ein Tier, das artgerecht gehalten wird, nicht auch in der freien Wildbahn bestehen können? Wegen anderer Tiere? Aber ist das nicht der natürliche Zustand: kämpfen, fressen, vermehren? Es ist einfach gesagt, ich weiß. Aber vielleicht wäre genau das der erste Schritt: Parks umzustrukturieren und Tiere dort lassen, wo sie sind.

Eine unglaubliche Geschichte: Letzten Winter ist der kleine Chihuahua eines Freundes verschwunden kurz vor Weihnachten. Ländliche Gegend, Frost in der Nacht. Fünf Tage war sie weg. Und dann, plötzlich, taucht sie wieder auf. Vielleicht hatte ihn jemand eingefangen und wieder freigelassen. Vielleicht wusste sie einfach instinktiv, was zu tun ist.

Mein eigener Hund hatte auch diese Phase. Immer wieder büxte er aus. Die Tür blieb offen in der Hoffnung, dass er zurückfindet. Und er kam zurück. Morgens um vier. Voller Wildschweinkot und tausend Zecken. Ein domestiziertes Tier, das ganz genau um die Regeln im Wald wusste. Tarnung ist alles.

Vielleicht überleben nicht alle. Aber vielleicht haben sie wenigstens für einen Moment wirklich gelebt. Und der Kreislauf neuer Tiere in Parks und Zoos endet. In meiner Vorstellung sieht das ganz einfach aus.

Oder sind die Tiere genauso wenig frei wie wir es sind? Fühlen sie genauso, wie wir es manchmal fühlen? Eigentlich könnten wir freier leben haben es uns aber wahnsinnig gemütlich gemacht. Können wir überhaupt zurück in die natürliche Mensch-Version? Wollen wir das überhaupt noch? Klar, ab und zu ist ein Urlaub drin, der uns aus dem Alltag zieht. Aber der Alltag bleibt. Und oft ist er nichts anderes als ein gut gepflegter Käfig mit offenen Türen.

Auch hier ist Günther Anders relevant: Er sieht den modernen Menschen als Wesen, das seine eigene Freiheit verlernt hat, weil es in einem System lebt, das ihm Komfort verspricht auf Kosten echter Selbstbestimmung. In seiner Kritik an der technischen Welt beschreibt er den Menschen als „angepaßten Produzenten und Konsumenten von Überflüssigem“, der seine eigene Natur hinter sich lässt.


So wie wir den Tieren künstliche Lebensräume schaffen, in denen sie nicht wirklich frei sind, haben auch wir uns eingerichtet in Komfortzonen, aus denen wir kaum noch ausbrechen wollen. Das bequeme Leben ist ein Käfig, dessen Gitter wir selbst gebaut haben.

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