Ich wurde gestern daran erinnert, weshalb ich angefangen habe, für den Schutz von Tieren zu arbeiten. Auch wenn man liebt, was man macht, holt einen der Alltag zurück. Nebenjobs. Rechnungen. Realität. Man verliert manchmal den Blick wie in jeder Liebes- oder freundschaftlichen Beziehung. Und dann beginnt die Pflege. Die Erinnerung daran, wofür das Herz eigentlich brennt.

Vor wenigen Tagen gab es hier in Berlin Lichtenberg einen Wohnungsbrand in einem Zwanziggeschosser. Zwanzig Wohnungen unbewohnbar. Kein Alltag. Absoluter Albtraum. Ich kontrolliere seitdem wieder öfter meinen Herd. Wechsel schneller kaputte Kabel. Sicherheit ist plötzlich kein abstraktes Wort mehr.

Gestern dann: Frankfurter Allee. Ein Grad. Regen. Der erste seit Wochen. Zwei Krähen hacken auf etwas herum.
Ich gehe näher. Etwas Kleines, Buntes flattert.
Ein Wellensittich.

Diese australischen Ziervögel gehören nicht in Berliner Februarluft. Wellensittiche stammen ursprünglich aus Australien und sind in Deutschland domestizierte Heimtiere. Freilebende Populationen gibt es hier nicht, winterliche Temperaturen überleben sie in der Regel nicht. (Bundesamt für Naturschutz; NABU)
Die Krähen fliegen weg. Der Kleine ist eiskalt. Blut an den Federn. Aber der Blick ist klar. Er versucht mich zu beißen.
Nach Hause. Schuhbox. Decke. Wärme.

Dunkelheit.
Was nun?

Ich schreibe einer Frau, mit der ich wegen Tauben schon Kontakt hatte. Fünf Minuten später läuft das Netzwerk. Sie kennt eine Krähenpflegerin. Die kennt eine Wellensittichspezialistin. Kein Verein, keine Förderung, kein Etat. Nur Telefonnummern, Vertrauen und Bereitschaft. Der Vogel taut wortwörtlich auf. Bewegt den Kopf. Kann nicht stehen. Es ist Donnerstagabend, kurz vor Praxisschluss. Ich sitze mit einer Schuhbox im Uber von Friedrichshain nach Hohenschönhausen. Drei Stunden nach Fund sitzt das kleine Tier in einem Raum voller Artgenossen. Ein Mädchen. Tapfer. Frech. Versucht zu trinken. Der Schnabel vermutlich heil. Ein Fuß vielleicht dauerhaft geschädigt. Vielleicht ein neurologischer Schaden. Das wird sich zeigen. Von Fund zu sicheren Händen: drei Stunden.

Februar 2026 Berlin

Was mich beeindruckt hat, war nicht nur das Überleben dieses Vogels. Es war das System dahinter. Taubenlady. Krähenlady. Wellensittichlady. Frauen, die ihr Leben nach Pflegetieren strukturieren. Kein Urlaub. Kaum Anerkennung. Oft sogar Spott, wenn sie füttern oder Wasser hinstellen, obwohl „doch ein Fluss daneben ist“. Dass Tiere an steilen Ufermauern oft nicht ans Wasser kommen, sieht man nur, wenn man hinsieht. Sie wollen kein Lob.
Aber Respekt wäre das Mindeste.
Als ich mit dem Vogel durch die Straßen lief, reagierte kaum jemand. Kein Blick, kein Nachfragen. Es war, als würde man durch eine Kulisse laufen. Und ich dachte: Genau da liegt ein Problem.

Nicht jeder muss eingreifen. Nicht jeder kann helfen. Aber Wegsehen ist eine Entscheidung. Und Aufmerksamkeit ist oft der erste Schritt.
Ich konnte dem Vogel nicht medizinisch helfen. Aber ich wusste, wer vielleicht helfen kann. Und wenn ich das nicht gewusst hätte, hätte ich gewusst, wen ich fragen kann. Vielleicht ist das der eigentliche Punkt. Nicht Heldentum.
Verbindung. Man muss nicht alles retten. Aber man kann Teil eines Kreislaufs sein.

Von der Taubenlady zur Krähenlady zur Wellensittichlady. Und irgendwo dazwischen erinnere ich mich wieder, warum ich das hier mache.


Dicke Props🕊️🐦‍⬛🦜

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