
Mir geht ein Satz nicht aus dem Kopf, den ich in einem Podcast gehört habe:
Erziehen wir oder führen wir Beziehungen zu unseren Haustieren? In meinem Kopf taucht sofort das Bild von Hundetrainern auf, von Leckerli Beuteln, Clickern, Kommandos. Hunde werden erzogen, Katzen auch. Ein Belohnungssystem für jedes gewünschte Verhalten. Bis zu einem gewissen Punkt verstehe ich das. Es erleichtert den Alltag. Es gibt Struktur. Aber gleichzeitig taucht in mir immer wieder die Frage auf: Ist das überhaupt richtig?
Bringe ich einem Tier damit wirklich etwas bei oder konditioniere ich es nur, damit es das tut, was ich will? Entsteht durch Leckerli wirklich Vertrauen? Oder gewöhnt sich das Tier einfach daran, dass bestimmtes Verhalten zu einem Vorteil führt? Und wenn das so ist, wie echt ist dann das, was ich als Bindung wahrnehme? Liebt mich mein Tier oder reagiert es nur auf jahrelang eingeübte Signale?
Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich manchmal Gehorsam mit Vertrauen verwechsle. Dass ich davon ausgehe, ein Tier würde mir vertrauen, nur weil es bei mir bleibt oder weil es reagiert, wenn ich es rufe. Aber das ist möglicherweise eine menschliche Interpretation.
Die Wissenschaft zeigt mittlerweile sehr klar, dass Bindung und Gehorsam nicht dasselbe sind.
Es gibt Studien, die den sogenannten Fremde Situation Test auf Hunde übertragen haben ein psychologisches Verfahren, das ursprünglich bei menschlichen Kindern entwickelt wurde. Dabei zeigt sich: Hunde suchen aktiv Nähe zu ihrer Bezugsperson und reagieren sichtbar gestresst, wenn sie getrennt werden. Dieses Verhalten lässt sich nicht durch Leckerli erklären. Es ist ein Muster, das auf Bindung hindeutet, nicht auf Dressur.
Ich habe mich gefragt, ob echte Bindung vielleicht dort entsteht, wo wir nicht erzwingen, sondern zulassen. Wo Beziehung nicht durch Kommandos entsteht, sondern durch Nähe und gemeinsame Erfahrung. Und ich glaube, das sieht man besonders deutlich bei Straßenhunden, vor allem in Großstädten, wenn sie mit obdachlosen Menschen leben.
Das Wort „Herrchen“ oder „Frauchen“ wirkt in diesem Zusammenhang falsch. Es gibt keine Hierarchie. Es ist eher ein Wegbegleiter als ein Besitzer. Und dort lässt sich oft ein fast perfektes Sozialverhalten beobachten: der Hund bleibt in der Nähe, reagiert intuitiv, passt sich an, sucht Blickkontakt, findet seinen eigenen Rhythmus. Ohne Hundeschule. Ohne Trainer. Ohne konditioniertes Leckerli System.
Aus reiner Beobachtung heraus würde ich behaupten, dass diese Hunde funktionieren, weil sie sich selbst regulieren und weil sie ihre eigene Entscheidung treffen dürfen. Nicht weil ihnen etwas beigebracht wurde, sondern weil sie in einer echten Beziehung leben, die auf Nähe, Alltag und gegenseitiger Abhängigkeit basiert.
Denselben Gedanken sehe ich auch bei wildlebenden Tieren, die sich freiwillig für einen kurzen Zeitraum in die Nähe des Menschen begeben. Ein kleiner Zaunkönig, der nach einem Crash durchs Fenster plötzlich im Wohnzimmer landet, muss sich erst einmal orientieren. Er weiß nicht, ob der Mensch dort Gefahr bedeutet. Und trotzdem beobachtet man oft, dass das Tier sich arrangiert, dass es das Futter annimmt, dass es sich vielleicht sogar kurz setzt, beobachtet, die riesige Hand nicht als Bedrohung sieht. Das ist kein eingeübtes Verhalten. Das ist ein Moment reiner Interaktion und Energie. Wir verstehen diese Momente, obwohl sie nonverbal sind. Vielleicht auch gerade deshalb. Wenn ein Tier freiwillig Nähe sucht, ohne Belohnung, ohne Aufforderung, dann passiert etwas, das tiefer ist als jede Erziehung. Natürlich gibt es Tiere, die aufgrund von Verletzungen oder Erfahrungen nicht in diese Form der Interaktion finden. Aber grundsätzlich frage ich mich immer mehr: Wie viel Beziehung steckt in unseren Wegbegleitern und wie viel Erziehung?

Studien aus der Human Tier Bindungsforschung zeigen, dass Haustiere echte Bindungsmuster entwickeln, ähnlich wie Menschenkinder: sichere, unsichere, vermeidende. Sie suchen Schutz, sie suchen Nähe, sie reagieren auf Emotionen des Menschen, sie spiegeln Stimmungen. Und das, ohne dass man ihnen Sitz oder Platz beigebracht hat. Es ist nicht die Dressur, die Beziehung schafft. Es ist die erlebte Sicherheit. Für mich persönlich hat sich daraus eine klare Konsequenz ergeben:
Ich möchte bewusster Beziehung leben statt Verhalten erzwingen. Ich will nicht, dass ein Tier funktioniert, sondern dass es sich entscheidet. Ich will sehen, wie viel Beziehung möglich ist, wenn man Kontrolle wegnimmt und Vertrauen zulässt.
Natürlich weiß ich, dass manche Situationen ohne Leckerli und co. nicht funktionieren. Alltag braucht Struktur. Sicherheit braucht Regeln. Aber Beziehung, echte Beziehung, entsteht dort, wo das Tier nicht reagiert, sondern interagiert.
Und genau das möchte ich stärker leben.

Topál, J.; Miklósi, Á.; Csányi, V. (1998).
Attachment behavior in dogs: Ainsworth’s Strange Situation Test. Journal of Comparative Psychology.
https://doi.org/10.1037/0735-7036.112.3.219
Prato-Previde, E.; Custance, D. et al. (2003).
Is the dog–human relationship an attachment bond? Animal Behaviour.
https://doi.org/10.1006/anbe.2003.2226
Vitali, S. R. et al. (2019).
Attachment bonds between domestic cats and humans. Current Biology.
https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.08.036
Powell, L. et al. (2019).
The health benefits of companion animals: A systematic review. BMC Public Health.
https://doi.org/10.1186/s12889-019-7840-2
Zilcha-Mano, S.; Mikulincer, M.; Shaver, P. R. (2011).
Attachment styles in human–pet relationships. Journal of Research in Personality.
https://doi.org/10.1016/j.jrp.2011.05.008
Udell, M. A. R.; Wynne, C. D. L. (2008).
Human-like behaviors of domestic dogs without training. Behavioural Processes.
https://doi.org/10.1016/j.beproc.2007.10.005
